FAZ 13.03.2026
14:40 Uhr

Novelle von Robert Menasse: Europa lebt noch – zumindest im Kaffeehaus


Robert Menasse hat die EU-Prosa erfunden und übt sich weiter darin: Für „Die Lebensentscheidung“ wählt er die Form der Novelle – und zeigt darin meisterlich die Geistestiefe eines sterbenden Idealisten.

Novelle von Robert Menasse: Europa lebt noch – zumindest im Kaffeehaus

Robert Menasse meistert ein Genre, das er selbst erfunden hat: die EU-Prosa. In seinem Roman „Die Hauptstadt“ von 2017, mit dem Deutschen Buchpreis prämiert, geht es um die Intrigen in der Europäischen Kommission rund um das waghalsige Projekt, Auschwitz zum Zeichen der europäischen Einigung zu machen. 2022 erschien der zweite EU-Roman „Die Erweiterung“: Vom Zentrum geht es in die Peripherie nach Albanien, wo der Nationaldünkel der Elite dem EU-Beitritt des Landes entgegensteht, nach dem sich seine Bevölkerung so sehnt. Diese Texte sind immer auch Satire. Sie lassen nie daran zweifeln, dass die heutige Europäische Union dem Autor nicht radikal genug ist, um dieses eine richtige Europa zu schaffen: Nationalismus ist böse, rückständig, ein Überbleibsel aus dem neunzehnten Jahrhundert, das sich wie ein Krebs in die Institutionen gefressen hat, und die EU krankt an einem Demokratiemangel, denkt Menasse. An ihre Stelle gehört eine Vielvölkerrepublik Europa, zwar mit Vielfalt, aber ohne Engstirnigkeit. Das wissen nur die Nationen noch nicht. Radikaler und Bruch mit dem bisherigen Optimismus Um diese Vision war es schon schlecht bestellt, als Menasse seine beiden Romane geschrieben hat. Heute ist es nicht besser. Aber anstatt gegen den Zeitgeist von Rechtspopulismus und die Brüsseler Wehwehchen anzuschreiben, wie man es von dem Autor und seiner Leidenschaft gewohnt ist, schreibt er jetzt selbst eine Neuigkeit, im gewissen Sinne: Seine neue Novelle „Die Lebensentscheidung“ ist ein radikaler und düsterer Bruch mit seinem bisherigen Optimismus, der stets über die Parodie obsiegt hatte. Menasse wird vom Nostalgiker, der Heimweh nach Europa hat (Milan Kundera), zum Beobachter des europäischen Zerfalls. Und das, während man auf seinen dritten EU-Roman wartet. Schon das könnte die durch Deutschstunden gepeitschte „unerhörte Begebenheit“ dieser Novelle sein. Im Text ist sie das: Franz Fiala ist Anfang sechzig, Selbstbezeichnung „Eurokrat“, ein mittelmäßiger und biederer Beamter der Europäischen Kommission, in der Generaldirektion Umwelt, „nie der Typ, der rebelliert“. Er entscheidet sich, seine Arbeit hinzuschmeißen. Ein enttäuschter Idealist: Er hat es satt, seine Arbeit für die Schublade zu machen, sich alles von Bauernprotesten kaputt machen zu lassen und gegen eine EU-Skepsis zu argumentieren, die es sich zu leicht macht. Er pendelt zwischen Brüssel und Wien, wo er seine immer dementere Mutter pflegt. Sein letzter Wille: Die Mutter überleben Die Frage, wie er nun am besten Brüssel, Arbeit und Wohnung hinter sich lässt, aber trotzdem seine Liebschaft Nathalie behält, wird zur Nichtigkeit, als sich seine Schmerzen als Bauchspeicheldrüsenkrebs entpuppen. Sein letzter Wille ist nun, seine Mutter zu überleben: Seine Unsicherheit wird zur Selbstlosigkeit. Man kommt nicht umhin, in den Figuren Stereotypen europäischer Existenzen zu sehen. Sein verstorbener Vater ist der erste Angestellte einer Arbeiterfamilie, die Mutter eine Aufsteigerin: Ihre Volksausgaben der Ilias, von Heinrich Heine und Annette von Droste-Hülshoff, der performative Operngang, der spießige Mahagoni-Plüsch und die stets ordentlichen Anziehsachen – hinter all dieser Nachahmung verbirgt sich viel mehr als der Minderwertigkeitskomplex des Arrivierten. Es ist die zutiefst europäische Idee des immer­währenden Aufstiegs, ein Signum der „Trente Glorieuses“, das schon lange nur noch eine fixe Idee ist. Ein Lehrstück der feinen Unterschiede Zusammen mit dem Literaturkanon und den Lateinvokabeln hat die Mutter dem Sohn ihre Unsicherheit vermacht. Auch er ist durch Bildung aufgestiegen, ein Emporkömmling, der neidvoll auf Nathalie blickt, weil sie im Restaurant mit aller bürgerlicher Beiläufigkeit einen Fisch filetiert. Das kann man eben nur in der dritten Generation EU-Adel: ein Lehrstück der feinen Unterschiede. Freudianisch konnte er sich nie seiner Studentenliebe – nunmehr platonischen Freundin – Feli annähern, stets gehemmt von der stolzen Liebe seiner Mutter. Und auch wenn er schon aus einem pathetischen Impuls, der ihm eigentlich nicht steht, die Kommission verlässt, dann doch bitte mit einem ordentlichen Rentenanspruch. Ein Kleinbürger von der Stange ist Franz Fiala trotzdem nicht, zu sehr zweifelt und fühlt er. Jetzt sieht man beiden, Mutter und Sohn, beim Siechtum zu. Beider Tod ist eine Notwendigkeit, denn beides kann es nicht mehr geben: die Alteuropäerin mit ihrem Bildungskitsch und den gescheiterten Utopisten. Noch am Leben, bauen sie ab: Die einst so weltgewandte Mutter will nur noch Kalbsgulasch in Wiener Kaffeehäusern, nicht wie einst alles probieren, und der schwerkranke Franz besucht sie nur noch mit einem weiten Anzug, um seinen abgemagerten Körper zu kaschieren. Außen ansehnlich, und unterm Dreiteiler wuchern die Metastasen: Die Familie Fiala quält sich in den Tod, und mit ihnen Europa. Er kämpft aber schafft es nicht – Franz stirbt in den Armen seiner Mutter, die ihn mit Insulin von seinem Leiden erlöst. Seine zwei Welten sind Wien und Brüssel Das erinnert sicherlich nicht zufällig an die griechische Tragödie, ihren Kitsch und ihre Pietà. Dass Menasse nicht nur ein Europäer, sondern auch ein Westeuropäer mit Neigung zur Unverbesserlichkeit ist, hat man ihm gerne vorgeworfen. Franz Fialas „zwei Welten“ sind Wien und Brüssel, sein Europa ist Mitteleuropa, weite Teile der Handlung spielen im Kaffeehaus. Virtuos bedient er sich am Kanon: Fiala heißt auch die Hauptfigur in Franz Werfels Novelle „Der Tod des Kleinbürgers“ von 1927, der zwar ein Kleingeist ist, aber sich für seine Familie martern lässt. Die Mutter lässt er Schiller und Heine zitieren, und zwar die stimmungsvollsten Verse ihres Europa-Pathos. Aller Finsternis zum Trotz bleibt Menasse sich treu: Viele Motive kennt man aus seinen anderen Werken, den Verlust der Mutter, die Innensicht in die Europäische Union, der man eine gewisse Faszination für Macht nicht absprechen kann, oder das Nörgeln über Österreich, sein Heimatland. Vor allem aber die Novellenform steht dem ­Autor: Man kann ihn nur dafür bewundern, wie dicht er in dieser so kurzen Form die Geistestiefe eines Sterbenden entfaltet, die Empathie und die Enttäuschung eines Hilflosen, der sich eigentlich um die Eindringlichkeit seines Todes kümmern sollte. Das ist große und klare Prosa – ohne Allüren, souverän erzählt, mit einem wunderbaren Rhythmus, ohne Längen oder gewollte Ambivalenzen. Gerne verzeiht man ihm da die Bitterkeit des Satirikers, die bisweilen holzhammerhaft oder wohlfeil erscheint. Vielleicht sind das Leben und der Tod des Franz Fiala auch keine Chronik des Untergangs, sondern eine negative Utopie: Die Papiertiger sind die Todgeweihten, es braucht Beherztheit. Europa wäre es zu wünschen. Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung“. Novelle. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 158 S., geb., 22,– €.